10 Jahre Praxistest: Die KVP-Forderung der ISO 14001
VON RENÉ GASTL
(erschienen in der Zeitschrift Umweltperspektiven, Ausgabe 02/2006)
Die Hürden zum Aufbau eines ISO-14001-konformen UMS sind relativ gering. Hingegen erweist sich die Umsetzung des geforderten kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (KVP) langfristig als grosse Herausforderung. Einerseits bestehen ungelöste methodische Probleme, andererseits stösst praktisch jede zertifizierte Organisation nach einigen Jahren UMS-Betrieb an Grenzen der ökologischen Unternehmensentwicklung. Eine neue Studie der Universität St. Gallen lässt überwindbare Entwicklungsbarrieren erkennen und fordert eine realitätsnahe Interpretation der KVP-Forderung.
Seit der Publikation der Norm vor zehn Jahren konnten rund 1500 Unternehmen,Verwaltungsorgane und andere Betriebe nach ISO 14001 zertifiziert werden. Im internationalen Vergleich haben die UMS-Zertifizierungen in der Schweiz damit eine beachtliche Dichte erreicht, und jedes Jahr – so zeigen die Statistiken – kommen über hundert neu zertifizierte Organisationen hinzu. So unterschiedlich die Gründe für die Einführung eines UMS im Betrieb auch sein mögen: Auf alle zertifizierten Organisationen wartet in den Jahren nach dem UMS-Aufbau die grosse Herausforderung «kontinuierlicher Verbesserungsprozess». Die Norm verlangt, dass die Organisation ständig, grundsätzlich von Periode zu Periode, eine verbesserte Umweltleistung als Folge eines weiterentwickelten UMS nachweisen kann.
Einfaches Konzept, viele offene Fragen
Auf weiterführende Konkretisierungen verzichtet die Norm und überlässt es der Praxis, wie die KVP-Forderung zu interpretieren und anzuwenden ist. Bis anhin haben sich auch Wissenschaft und Literatur weitgehend mit «Übersetzungshilfen» zurückgehalten, obschon klärende Beiträge sowohl in konzeptioneller als auch in praktischer Hinsicht überfällig wären. Was – zum Beispiel – heisst «Kontinuierlicher Verbesserungsprozess » eigentlich, und welche Arten von Veränderungen sind damit angesprochen? Wie kann der KVP gemessen werden? Ist «Kontinuität» in der Veränderung des UMS oder der Umweltleistung überhaupt messbar? Wann ist eine veränderte Umweltleistung eine Verbesserung? Und – aus unternehmenspraktischen Gründen besonders von Bedeutung – wie kann der KVP dauerhaft aufrechterhalten werden?
Fragen wie diese deuten an, dass zwischen der theoretischen Konzeption des geforderten KVP und der Realität in den Unternehmen grosse Lücken bestehen. So kann sich jedermann die kontinuierliche Verbesserung als eine Gerade vorstellen, die in einer XY-Grafik mit Zeitachse allmählich die Umweltbelastungswerte «nach unten» führt. In der Realität aber gibt es angesichts sehr komplexer Zusammenhänge keine solch einfachen und geradlinigen Entwicklungen (vgl. Grafik 1*). Auch sind bislang keine Mess- und Darstellungsmethoden verfügbar, die die Umweltleistung über Jahre hinweg auf eine Weise ermitteln lassen würden, die veränderte Messgrundlagen, veränderte Datenqualitäten und dergleichen adäquat berücksichtigten. Der Vergleich von Messdaten wird in der mittleren bis langen Frist zunehmend durch die allgemeine Unternehmensentwicklung erschwert, die z.B. durch Fusionen, Stilllegung von Organisationseinheiten, strukturelle Veränderungen oder auch durch neue Produktsortimente oder Technologien hervorgebracht werden können. Jede auch noch so genaue Messung von Umweltleistungsgrössen – und dies gilt gerade auch für relative, also auf z.B. Produktmengen oder funktionale Einheiten bezogene Kennzahlen – kann daher im besten Fall und nur in ausgewählten Bereichen Trendbewegungen erkennen lassen.
Umweltpolitische und umweltstrategische Defizite
Doch weit bedeutender als die Frage der Messbarkeit der Umweltleistung ist die Frage, was eine zertifizierte Organisation tatsächlich zur Umweltentlastung beiträgt. Das normative und strategische Management stecken hier den Rahmen ab. Grundvoraussetzung für einen dauerhaften KVP ist eine möglichst offene betriebliche Umweltpolitik. Die implementierten Handlungsgrundsätze sind jedoch allzu oft nicht identisch mit jenen, die schriftlich festgehalten sind. Diese blenden kaum je bestimmte Handlungsfelder aus, während in der Praxis implizit gerade z.B. Produkte von jeglichen Umweltschutzaktivitäten ausgenommen werden.Wenn dieser Bezugsrahmen zu eng definiert ist, bleibt der Aktionsradius des UMS gering und der KVP stösst bald an Grenzen.
Die St.-Galler-Studie macht in diesem Zusammenhang verbreitete Defizite in der langfristigen, visionären Ausrichtung des UMS erkennbar. Sie kommt gar zum Schluss, dass auch die langjährige Beschäftigung des Managements mit ökologischen Fragestellungen, wie sie ISO 14001 formell erforderlich macht, die strategische Untermauerung des UMS nicht «automatisch » fördert. Vielmehr behält ein anfänglich operativ geprägtes Vorgehen im Umweltmanagement seinen operativen Charakter auch nach Jahren des UMS-Betriebs bei. Die ökologischen Ziele und Massnahmen bleiben damit weitgehend punktuell und kurzfristig; wichtige Bereiche, die Hebeleffekte in der Umweltentlastung versprechen, aber nur langfristig bearbeitet werden können, bleiben ausgeblendet.
Damit geht die Erkenntnis einher, dass, obwohl fast alle Unternehmen einige Jahre nach der Zertifizierung eine Ausschöpfung ihrer Möglichkeiten zur Umweltentlastung beklagen, die Aktivitäten des UMS auch langfristig in jenen ökologischen Handlungsfeldern verharren, die schon beim Aufbau des UMS bearbeitet wurden. Wie bereits im Rahmen der betrieblichen Umweltpolitik bleibt auch hier vor allem die Produktökologie ausgeblendet, wenn sie nicht schon von Anfang an vom UMS berücksichtigt worden war. Insgesamt führt die KVP-Forderung zwar zu einer Verfeinerung der Aktivitäten im Umweltschutz und zu einem allmählichen Aufbau des internen umweltbezogenen Wissens, doch bleibt dieser Fortschritt sachlich begrenzt. Die optimistischen Erwartungen im Zuge der Normenpublikation scheinen sich zumindest auf Grund dieser Erfahrungen nicht zu erfüllen.
Hinweise auf KVP-hemmende und -fördernde Faktoren
Die Ergebnisse der St.-Galler-Studie verweisen auf eine Reihe weiterer, teilweise überraschender Bedingungen, die den dauerhaften KVP fördern oder eben hemmen. Interessant ist zunächst die Erkenntnis, dass in zertifizierten Unternehmen die Kostenund Nutzeneffekte des UMS kaum bekannt sind. Dies ist umso bedeutsamer, als dass nach einer regelmässig zu beobachtenden Phase früher Euphorie in der Belegschaft der Nutzen eines UMS von zahlreichen internen Akteuren, darunter auch Entscheidungsträgern aus dem Management, als eher negativ betrachtet wird. Ein möglicher Grund: Während die Kosten oft recht genau bekannt sind, lassen sich die zahlreichen Nutzen eines UMS nur sehr schwer quantifizieren.
Ein anderer Erklärungsansatz ist in Grafik 2* dargestellt: Sie zeigt (idealisiert) die Kosten- und Nutzenentwicklung in den Jahren nach dem UMSAufbau. Während anfänglich Umweltschutzaktivitäten teilweise erhebliche Kosteneinsparungen (z.B. durch Energiesparmassnahmen) mit sich bringen können, nehmen diese Potenziale rasch ab. Die Kosten für den UMS-Betrieb und die Zertifizierung fallen aber weiterhin an. Die oft erwarteten positiven Markteffekte hingegen treten meist erst nach mittlerer bis langer Frist ein und nur, wenn entsprechende Investitionen getätigt werden. Dazwischen liegt eine «Durststrecke », die es zu überwinden gilt. Je nach unternehmenskultureller Verankerung des Umweltengagements kann dies zu einem steigenden Rechtfertigungsdruck für einzelne ökologisch motivierte Massnahmen oder Ziele oder auch für die gesamte UMS-Organisation führen. Letztlich kann die unrichtige Wahrnehmung des UMS-Nutzens falsche Entscheidungen und Vorgehensweisen bis hin zur Aufgabe des (systematischen) Umweltengagements auslösen.
Der tiefere Grund für solche Probleme liegt allerdings meist in einem unklaren Stellenwert ökologischer Unternehmensziele. Sie stehen vielfach in Konflikt mit wirtschaftlichen Zielsetzungen. Die Folge: Solange das UMS nicht als ökonomischer Aktivposten wahrgenommen wird, solange werden ökologische Ziele meist als wenig prioritär behandelt. Solche Zielkonflikte erfordern zum einen Leitentscheide des Managements, die eine klare Handlungs- und Verhaltensrichtung vorgeben, eine adäquate Prioritätensetzung erlauben und damit die Interpretation der betrieblichen Umweltpolitik erst ermöglichen. Zum anderen erfordern sie konsequent agierende Vorbilder im Top-Management: Es ist deren Verhalten, das die Werthaltungen des einzelnen Mitarbeitenden in Bezug auf die eigene umweltbezogene Verhaltensweise im Unternehmen prägt.
Kennzahlensysteme als «Denkgefängnisse»
Hemmnisse können auch auf Ebene des UMS selbst auftreten. Nicht selten ist ausschliesslich der Umweltbeauftragte für die Festlegung der Umweltziele verantwortlich, und die notwendige Diskussion auf Managementebene bleibt aus. Oder es werden veraltete Daten aus einer seit dem UMS-Aufbau nicht mehr aktualisierten Umweltanalyse als Entscheidungsgrundlage verwendet. Unterschätzt wird bislang die KVP-hemmende Wirkung von Kennzahlensystemen, die im Zuge des UMS-Aufbaus vielfach eingeführt werden. Sie dienen zwar trotz ihrer in der langen Frist begrenzten Aussagekraft (siehe oben) als wertvolle Controllinginstrumente. Sie können sich aber in der Praxis als regelrechte «Denkgefängnisse» erweisen und dazu führen, dass sich das ökologische Engagement – durch den langjährigen UMS-Betrieb einer gewissen Routine verfallen – auf die Steuerung der immer gleichen Stoff- und Energieflussgrössen beschränkt. Der Moment, in welchem die Zahlen nicht mehr «besser » werden oder gar Verschlechterungen zu beobachten sind, ist dann vorprogrammiert. Der Energieverbrauch lässt sich nicht über Jahre hinweg kontinuierlich senken, und das Abfallaufkommen je Franken Umsatz hat bald einen minimalen Wert erreicht, der sich mit der heutigen Technologie nicht mehr verbessern lässt, ohne die Produktion stilllegen zu müssen. Orientiert sich das Umweltengagement zu stark an einmal definierten Kennzahlen, besteht die Gefahr, dass sich auch die betrieblichen Umweltschutzaktivitäten ganz auf die Steuerung dieser Zahlen konzentrieren und andere Ansatzpunkte zur Umweltentlastung ausgeblendet werden. Zahlreiche ökologische Massnahmen, die zwar sehr effektiv wären, deren Wirkungen sich aber nur schwer durch die definierten Kennzahlen ausdrücken und in Grafiken darstellen lassen, werden damit gar nicht erst in Betracht gezogen.
Konzeptionelle Schwächen und realistische Erwartungen
Die St.-Galler-Studie ist auf Grund ihrer Forschungsanlage nicht verallgemeinerbar. Breiter abgestützte Untersuchungen sind notwendig, um die Ergebnisse zu bestätigen. Die Studie illustriert aber im praktischen Einzelfall die Konsequenzen konzeptioneller Schwächen der Norm. Eine davon ist weiter oben bereits angesprochen: Die KVP-Forderung krankt daran, dass eine fortwährende Verbesserung der Umweltleistung weder physikalisch möglich noch ökonomisch sinnvoll ist, sich aber gleichzeitig an wirtschaftlich agierende Organisationen richtet. Es muss folglich realistischerweise davon ausgegangen werden, dass sich die Verbesserungsspirale nicht wie erhofft unaufhörlich drehen lässt. Dass sich dank der KVP-Forderung «graue» Unternehmen allmählich in «grüne» Unternehmen verwandeln würden, gehört ins Reich der Legenden.
Ein realitätsnaher Umgang mit der KVP-Forderung akzeptiert daher insbesondere in Zeiten stagnierender Umweltleistung als «normale» Entwicklungsphasen, solange sie nicht auf nachlassendes Umweltengagement zurückgeführt werden müssen. Er nimmt auch in Kauf, dass die mit dem UMS ursprünglich formulierten Ziele irgendwann erreicht sein können. Möchte ein Unternehmen z.B. seine Produktionsprozesse möglichst umweltschonend gestalten und dazu ein auf ISO 14001 basierendes UMS einsetzen, dann ist es aus Managementsicht ein Erfolg, wenn dieses Ziel erreicht ist. Aus ökologischer Sicht könnten dann zwar noch weitere Verbesserungspotenziale unbearbeitet geblieben sein, doch liegen diese ausserhalb des Einflussbereiches des spezifischen UMS. Die KVP-Forderung kann hier nicht mehr greifen, und weitere Verbesserungen bleiben aus.
Ein realitätsnahes KVP-Verständnis akzeptiert auch, dass die langfristige Entwicklung der Umweltleistung einer Organisation zahlreichen verschiedenartigen Einflüssen unterliegt. Und es ist i.d.R. nicht das UMS, das hier eine zentrale Rolle spielt, sondern Faktoren wie die allgemeine Unternehmensstrategie, Marktentwicklungen oder Produktinnovationen. Eine realitätsnahe Forderung an die zertifizierte Unternehmung würde daher verlangen, dass sie den Einfluss des UMS in die Umweltleistungsentwicklung stetig maximiert, indem sie ihre ökologische Grundhaltung in alle Unternehmensentscheidungen, die ökologische Leistungsgrössen direkt oder indirekt tangieren, einfliessen lässt.
Lehren auch für die Zertifizierungspraxis
Die Erfahrungen und Erkenntnisse aus beinahe zehn Jahren ISO 14001 decken auf institutioneller Ebene umfassenden Diskussionsbedarf auf. Nach wie vor eine Herausforderung ist die Definition geeigneter, allgemeingültiger Kriterien, die die Rezertifizierung einer Organisation erlauben. Genau wie bei der Zertifikatserteilung sollten für die Aufrechterhaltung der ISO-Zertifizierung einheitliche, klare Kriterien zur Verfügung stehen. Dies ist eine Voraussetzung, um den «Wert» und die Glaubwürdigkeit der ISO-14001-Zertifizierung zu bewahren. Dass diese Kriterien dann auch angewendet werden sollten, mutet auf den ersten Blick als «banale» Forderung an. Tatsächlich aber scheinen die Auditoren sehr zurückhaltend vorzugehen, wenn ein Unternehmen bei einem Überwachungs- oder Rezertifizierungsaudit keinerlei Verbesserungen seit der letzten Periode vorweisen kann.
In diesem Zusammenhang sind zudem Diskussionen zur oben angesprochenen Frage notwendig, wie mit anhaltender Stagnation oder Verschlechterung der Umweltleistung zertifizierter Organisationen umgegangen werden soll. Ist die Aufrechterhaltung des Status quo – wenn auch auf hohem Niveau – zum Beispiel ein ausreichender Leistungsausweis für die weitere Zertifizierbarkeit des UMS? Oder muss in solchen Fällen auf Grund des fehlenden KVP das Zertifikat entzogen werden? Fragen wie diese werden sich in Zukunft immer mehr stellen, handelt es sich doch bereits heute schon bei den weitaus meisten externen Begutachtungen nicht um Neu-Zertifizierungen,sondern um Überwachungs- und Rezertifizierungsaudits (vgl. Grafik 3*).
Auf institutioneller Ebene ist überdies der weit verbreitete Unterstützungsbedarf zertifizierter Unternehmen zur inhaltlichen Umsetzung der KVP-Forderung zu berücksichtigen. Die Zertifizierer könnten hier einen grossen Beitrag leisten, wenn die Audits gezielt Diskussionsplattformen bieten und zulassen würden. Gleichzeitig sind die Unternehmensvertreter aufgefordert, externe Audits nicht als «Polizeikontrolle», sondern als Chance zur gezielten Beschäftigung mit aktuellen Fragen ihres Umweltmanagements zu betrachten. Die heute üblichen kombinierten Audits, bei denen gleichzeitig verschiedene Managementsysteme begutachtet werden, erlauben dies aus Zeitgründen allerdings kaum. Diese unglückliche Situation liesse sich durch eine klare Trennung von «Compliance-Audits » und «Entwicklungsaudits» umgehen.
Es ist abzusehen, dass die Entwicklung der notwendigen Vorgehenskonzepte für die Zertifizierungspraxis in Anbetracht der sehr individuellen Umstände in den Organisationen sehr schwierig sein wird. Langfristig wird sie sich aber nicht vermeiden lassen. Denn nur eine praxisorientiert umgesetzte KVP-Forderung bietet die Chance, die langfristigen ökologischen Ziele, auf die ISO 14001 ausgerichtet ist, tatsächlich zu erreichen.
(c) Dr. René Gastl, Clean Management Consulting
*Die Grafiken finden Sie in der (werbefreien) Originaldatei enthalten. Sie können diese über das Kontaktformular bestellen.



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